Von Dr. Erwin Kessler
Der traditionelle Tierschutz, wie er in den lokalen und kantonalen
Tierschutzvereinen organisiert ist, befasst sich hauptsächlich
mit entlaufenen und verwahrlosten Hunden und Katzen. Mit dem
Aufkommen der Massentierhaltung und den industriellen, massenhaften
Tierversuchen nach dem Zweiten Weltkrieg ist in den vergangenen 20
Jahren die sogenannte Tierrechtsbewegung entstanden. Diese
stützt sich auf eine neue Ethik im Umgang mit Tieren, massgebend
beeinflusst vom australischen Ethiker Peter Singer und seinem
Standardwerk "Befreiung der Tiere - Eine neue Ethik zur Behandlung
der Tiere" (Deutsche Ausgabe erschienen 1982 im Hirthammer-Verlag).
Der zentrale Grundsatz dieser neuen Ethik heisst: Es kommt nicht
darauf an, ob Tiere denken können, sondern ob sie leiden
können. Insofern Tiere Angst und Schmerz ähnlich erleben
können wie Menschen, müssen sie auch in gleicher Weise vor
Angst und Schmerz verschont werden. Dieser Grundsatz liegt meiner
Tierschutzarbeit zugrunde und wird - solange ich Präsident bin -
auch Leitbild des VgT sein.
Die Tierrechtsbewegung
entwickelt sich heute immer mehr in einer Richtung, welche jegliches
Töten und Nutzen von Tieren und deshalb auch das Essen von
irgendwelchen tierischen Substanzen ablehnt (radikaler Vegetarismus,
sog. "Veganismus"). Auch tierische Gebrauchsgegenstände wie
Wolle, Seide, Leder werden abgelehnt. Aus diesen Kreisen rekrutieren
sich übrigens auch die Jagdgegner in der Schweiz. Diesen
Veganismus respektiere ich als eine edle mögliche
Weltanschauung.
Persönlich bin ich
Ovo-Lakto-Vegetarier. Die offizielle Grundhaltung des VgT ist die
kompromisslose Ablehnung von Tierquälerei jeder Art, sei es bei
der Aufzucht, Mast, beim Transport oder bei der Schlachtung von
Tieren. Ebenfalls werden qualvolle Tierversuche kompromisslos
abgelehnt. Persönlich bin ich der Meinung, dass die
Gefangenhaltung von Tieren zu Nutzzwecken (inkl. Heimtierhaltung, wo
der Nutzen in der sozialen Unterhaltung durch das Tier besteht) nur
dann ethisch verantwortbar ist, wenn es die Tiere schöner haben
als in freier Wildbahn. Dieses Ideal halte ich z.B. bei meinen
Hühnern für verwirklicht: Sie verfügen das ganze Jahr
über einen sehr grossen Auslauf, so gross, dass sie ihn gar
nicht voll nutzen können. Nachts sind sie im Stall vor
Raubtieren geschützt und im Winter, wenn Wildtiere Hunger
leiden, erhalten sie reichlich Futter und bei nasskalter Witterung
Wind- und Regenschutz. Ich teile die Ansicht mancher Veganer nicht,
die das Ideal für die Tiere nur in völliger Freiheit sehen.
Die Natur zwingt die Tiere oft zu einem brutalen
Überlebenskampf. Bei Seuchen sterben sie einen qualvollen
Tod.
Ich glaube nicht, dass es für ein Tier einen Unterschied macht,
ob es von einem Raubtier oder von einem (anständigen) Jäger
oder Fischer gejagt wird.
Weidmännisches Jagen und Fischen lehne ich deshalb nicht ab,
hingegen aufs Schärfste die Befriedigung reiner Jagd- und
Tötungslust durch wahlloses Abknallen, im Ausland oft sogar
zahmer, ausgesetzter Tiere (Fasane, Hasen). Zu den verwerflichen
Jagdpraktiken gehört die grausame Fallenjagd (Tellereisen) und
das Abrichten von Hunden mit lebenden Tieren (beides in der Schweiz
verboten). Zu den unnötig tierquälerischen Methoden der
Fischer gehört das Fischen mit lebenden Ködern, das
Hältern gefangener Fische in Eimern anstelle des sofortigen
Tötens und Aufbewahrens in Kühlboxen. Auch Angelhaken mit
Widerhaken lehnen wir ab. Schliesslich halte ich auch die
Berufsfischerei mit Netzen für grausam und in unserer modernen,
zivilisierten Gesellschaft für nicht mehr gerechtfertigt, auch
wenn das früher in der Menschheitsgeschichte oder in gewissen
unterentwickelten Ländern eine Berechtigung gehabt haben mag.
Die Fische verfangen sich mit den Kiemen in den Maschen der Netze und
erleben lange Stunde panischer Angst bis sie endlich herausgezogen
und getötet werden (bzw. in der Hochseefischerei beim
Herausziehen der schweren, vollen Netze erdrückt werden oder
langsam ersticken oder lebend ausgeweidet werden).
Auf der anderen Seite sehe ich durchaus auch die positiven Seiten der
einheimischen Jagd und Fischerei: Die Hege des Wildes, Abschuss
kranker Tiere oder wildernder Hunde, die Säuberung von
Bächen durch die Fischereivereine (unglaublich, was da von
geistig zurückgebliebenen Mitmenschen alles für Unrat in
die Flüsse und Bäche geworfen wird).
Ich hoffe, dass bei den Fischern das bei unseren Jägern schon
weiter fortentwickelte Verantwortungsbewusstsein für einen
schonungsvollen Umgang mit den Tieren wächst. Bei den Fischern
sind vor allem auch die Verbands- und Vereinsspitzen - so muss ich
leider feststellen - tierschutzethisch noch sehr unterentwickelt.
Hoffen wir, dass die Gründung einer Ethikkommission des
Schweizerischen Fischereiverbandes mehr wird, als nur eine
Alibiübung.
[Anmerkung der Mythen-Post: Am 17.6.04
wurde vom Zentralschweizer Regionalfernsehen "Tele Tell" ein Beitrag
gezeigt, in dem es um widerrechtlich erlegte Murmeltiere ging, die
als Teile am Tor eines Hauses in Muotathal aufgehängt wurden.
Zum Vorfall wurde Meinrad Husi von der Schwyzer Jagdverwaltung
befragt. Er gab eine mehr oder weniger nichtssagende Stellungnahme
ab, ohne die Tat strikt zu verurteilen. Im Bildhintergrund sah man
eine Unmenge Jagdtrophäen - grössere und kleinere Geweihe -
in seinem kantonalen Büro an der Wand.
Der Beitrag animierte zum Nachdenken.]
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