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Weder Halb- noch Vollgefangenschaft
ist etwas Schönes. Auch bei Halbgefangenschaft denkt
man tagsüber an nichts anderes als den tristen Knast.
Am Abend bei Dunkelheit und Kälte antreten und am
Morgenfrüh wieder "verreisen".
Urs Beeler: "Ohne Mitnahme eines Schlafsackes und einer
Luftmatratze hätte ich mir in Zelle 3 bestimmt Rheuma
geholt. Denn es gab nicht einmal ein herkömmliches
Bett, sondern nur einen Betonsockel als Liege. Eine
Schwerverbrecherzelle!
Zum Glück aber wurde warm genug geheizt. Die Heizung
konnte man via einem Fenster-Hebelmechanismus (durch
Luftzufuhr!) steuern.
Als Decken gab's alte (nicht gerade hautfreundliche)
Militär(pferde)decken.
Gewöhnungsbedürftig ist auch, dass
Gefängniszellen nicht gross sind. Psychisch ist vor
allem das Schliessen der Zellentüre ein
elementares Ereignis. (> die Macht des Staates, Freiheit
zu nehmen!)
Als mir an einem Sonntagabend schier der Kragen platzte,
stellte ich das in der Mauerzellenwand eingebaute
Gefängnis-Radio an und hörte durch puren Zufall
den damals gerade neu aufgekommenen Song eines Schwarzen mit
sehr einprägsamer afro-amerikanischer Stimme: 'Don't
worry, be happy!' Ich musste spontan laut herauslachen.
Eine Szene, die mir bis heute unvergesslich ist.
An einem Abend hatte ich 'leichten Ausgang' - Öffnen
der Zellentüre und Verweilen im Gang. Dabei wurde mir
vom Gefängniswärter 'Josef K. - König der
Zechpreller' vorgestellt. Ein älterer Herr, dem
Äusseren nach zu urteilen ein Geschäftsmann.
Kathriner, ein Mann, der einfach durchs komplette System
gefallen war, hatte zu der Zeit bereits über total 30
Jahre (!) in Schweizer Gefängnissen zugebracht. Dies
wohlgemerkt ohne jemals einen Menschen umgebracht zu haben.
Verurteilt ständig wegen kleinen Delikten wie
Zechprellerei, Auftreten unter falschem Namen als Arzt oder
Pfarrer etc. Ein talentierter Schauspieler, auf den die
Leute en masse hereinflogen. Im Grunde aber tragisch: Ein
Mensch, der total aus dem sozialen Auffangnetz geflogen war
und schliesslich zum Opfer einer Schweizer Paragraphen- und
Bürokraten-Justiz wurde.
Ich kann mich noch gut erinnern, wie Kathriner von seiner
Pritsche aus jeweils voller Freude die Kinder-Sendung '1, 2
oder 3' von Michael Schanze schaute. Der kleine tragbare
Schwarzweiss-Fernseher befand sich dabei auf der
Sitzfläche von Kathriners Zellenstuhl. Es gab lediglich
Antennenempfang. Eine kleine Freude in einer sonst wirklich
dürftigen, freudlosen und engen Gefängniszelle.
(Kathriners Zelle war wesentlich kleiner als die
meinige.)
Erinnern kann ich mich noch an einen Besuch in Kathriners
Zelle, als es plötzlich draussen lauten Sirenen-Alarm
gab. 'Hoffentlich marschieren die Russen ein...' war
Kathriners spontane humorvolle Reaktion. Er hoffte, sie
würden uns befreien...
Positives? Das gab's auch! Neben einem - wie sich aber erst
mit der Zeit herausstellte (anfänglich war er sehr
zurückhaltend und prüfte) - sehr flotten, aber
strengen Gefängniswärter, gab's zu der Zeit zum
Glück eine hervorragende Gefängniskost von der
Küche des Kollegi Schwyz.
Die Kollegi-Küche galt früher, als ich dort noch
das Gymnasium absolvierte, als 'chotzgrusig'. Wenn man mit
dem Velo entlang des Kollegi-Nordteils fuhr, konnte man
bloss noch die Luft anhalten, sonst wäre man vom
Küchen-Gestank schier bewusstlos geworden. Fuhr man mit
dem Auto oben durch, musste man vorher prophylaktisch
Fenster und Lüftung schliessen.
Ein legendärer Interner meiner damaligen Klasse -
Jürg Kaufmann ('Lumpi') - berichtete Jahre später,
eine heftige verbale Auseinandersetzung seinerseits mit dem
damaligen (schlechten) Koch hätte anfangs der
Achtzigerjahre beinahe in Mord und Totschlag geendet...
Ich selbst kann mich noch an einen kleinen Aufstand (war es
in der 5. WG?) unserer Internen erinnern wegen der
katastrophalen Kollegi-Küche. Zu Lynchjustiz kam es
jedoch nicht, wobei ich in einem solchen Fall für das
Handeln der internen Mitschüler wahrscheinlich
Verständnis gehabt hätte...
Doch jetzt - November/Dezember 1988 - war alles völlig
anders: Es gab eine total neue (saubere) Küche und
einen frischen Koch, der sein Handwerk offensichtlich
ausgezeichnet verstand.
Ich erinnere mich noch an Kathriner, wie er an einem Sonntag
das Mittagsmenü lobte: 'In einem guten Restaurant
würdest Du für dieses feine Steak mit Croquetes,
Gemüse und Salat locker Fr. 30.- bis Fr. 40.- zahlen',
meinte er. 'Und selbst die Küchen der meisten feinen
und teuren Hotels sind nicht so gut wie dieser hervorragende
Kollegi-Koch!' - Kathriner musste es als Restaurant und
Hotel-Kenner ja wissen...
Weil ich damals schon einen geradezu übermenschlichen
Appetit besass, konnte dies auf Dauer auch dem
Gefängniswärter nicht verborgen bleiben und er
brachte mir in der Folge an einem Sonntagabend (zum
Abendessen) eine riesige, noch fast volle
Salatschüssel. Die anderen hätten nicht mehr essen
wollen/können und er auch nicht. Also besorgte ich den
Rest. Es war köstlich! Frischer Kopfsalat mit feiner
französischer Haus-Dressing. Mmmmhhh!!!
[Anmerkung der Mythen-Post: Obwohl Beeler sonst eher
auf die italienische Küche steht.]
Letzteres, unvergesslich positive Erlebnis fand in der
neu bezogenen Zelle 7 statt, die gegenüber den
übrigen Zellen geradezu eine Luxus-Suite war. Hier
konnte ich an Gefängnis-Samstagen und -Sonntagen viel
schreiben und lesen, z.B. das zu der Zeit topaktuelle Buch
von Michael Gorbatschow 'Perestroika"' (durch die
geschichtlichen Ereignisse bereits längst
überholt). Weiter las ich ein schönes Buch
über Johann Heinrich Pestalozzi sowie ein ebenfalls
sehr schönes Kunstbuch mit Bildern von Salvador
Dali.
In Knast-Zelle 3 hatte ich zuvor noch Gesetzestexte betr.
Zivilschutzverweigerung studiert sowie Vorbereitungen
für mein später erschienenes Taschenbuch 'Gegen
Militär- und ZS-Zwang' getroffen.
In der schönen Zelle 7 fing ich als 'Berufsmasochist'
(Bezeichnung von Rolf Eichhorn, Muotathal) sogar irgendwie
an, am Knastleben Gefallen zu finden. Wie erwähnt,
konnte man (trotz Gitterstäben am Fenster) hervorragend
studieren und die Zelle bot dank Südlage auch sehr viel
Sonne (gutes Wetter als Voraussetzung. Ich erlebte dort
einen absoluten, unvergesslich schönen Traumsonntag und
fühlte mich an diesem Tag tausendmal glücklicher
als 'in Freiheit'). Dass das so positiv in Erinnerung ist,
mag sicher (neben dem prächtigen Wetter, der guten
Verpflegung, dem flottem Gefängniswärter und den
interessanten Lektüre) auch daran liegen, dass die
Knastzeit langsam aber sicher ihrem Ende zuging.
Als Dank räumte ich vor dem 24. Dezember 1988 Zelle 7
perfekt auf, mit Staubsauger und allem, was dazugehörte
und wollte dem Gefängniswärter zu Weihnachten
sogar ein kleines Geschenk machen, welches er jedoch -
Beamtenstatus - konsequent ablehnen musste und auch strikte
dabei blieb.
Am Morgen des 24. Dezembers 1988 dann endlich frei!!! Ein
unbeschreiblich herrliches Gefühl! Vielleicht bis heute
der erste Wintermorgen, auf den ich mich so richtig freute
und den ich trotz herrschender Dunkelheit und Kälte
richtiggehend genoss. "
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